Something
Der Beginn meiner Geschichte [Kapitel 1]

"Kommst du?" rief Lucy quer über den Platz des Waisenhauses,
indem ich bis jetzt gelebt hatte. Ich hatte schon wieder das Gefühl,
dass mich jemand beobachtete, doch ich hielt es für eine meiner Macken, und ignorierte es.
"Ja Lucy. Ähm... Mom," rief ich. Das Wort Mom kam mir immer noch schwer über die Lippen.
Ich hatte es mein Leben lang nicht benutzt. Ich sah noch einmal zurück, zu meinem alten zuhause. Die Fassaden sahen herunter gekommen aus, und einige Fenster hatten einen Sprung. Dort war es immer kalt gewesen, erinnerte ich mich. Ich atmete tief ein, und wagte den Schritt zu meinem neuen Leben.
Mit schnellen Schritten ging ich über den Platz.
Wir verstauten die wenigen Sachen, die ich hatte,
im Kofferraum und ich stieg in das rote Kabrio.
Ich fühlte mich sichtlich unwohl dabei, in so einem Auto zu sitzen. Ich fasste lieber nichts an,  da ich Angst hatte, etwas kaputt zu machen. Was bei meinem Glück und Geschick gerne mal passierte.
Es war ein seltsames Gefühl, jetzt zu einer richtigen Familie zu gehören.
Es fühlte sich falsch an, einfach in deren Leben zu platzen, auch wenn sie es so gewählt hatten.
Wir rasten über die Landstraßen, während die Bäume und Felder an uns vorbei flogen.
Es war schön hier. Ruhig, idyllisch, einfach perfekt, für einen Natur Menschen, wie mich.
Ich schaute aus dem Fenster und bemerkte, dass wir uns von der Stadt entfernten.
Es standen immer weniger Häuser am Straßenrand und der Großteil bestand aus wunderschönen Wäldern.
Es war ein unangenehmes schweigen, da niemand so recht wusste, was er sagen sollte.
Sie konzentrierte sich auf das fahren, und ich starrte aus dem Fenster.
Immer wieder schoss mir eine Frage durch den Kopf: Warum ich?
Es gab dort so viele Kinder, kleine, große, nettere und hübschere, talentiertere und höflicherer Kinder als mich.
Warum also hatte sie mich ausgewählt? Ich verstand es einfach nicht. Doch es gab auch noch andere Dinge,
die mich beschäftigten. An erster Stelle stand da ihre Tochter. Sie war in meinem alter,
doch ich hatte sie noch nicht kennen gelernt. Ich wusste nicht, wie sie reagieren würde.
Auf mich. Auf die Veränderung. Und direkt nach dem Problem Tochter kam das Problem Schule.
Im Waisenhaus war uns nicht viel beigebracht worden. Ich hatte Angst, dass ich in der Schule nicht mitkam,
oder, dass ich keine Freunde fand. Ich versuchte mir nicht all zu viele Gedanken darüber zu machen,
was mir leider nicht sonderlich gut gelang. Und so verging die Zeit quälend langsam, und ich hing meinen Gedanken nach.
Erst Lucys "Wir sind da!" brachte mich wieder zurück in die Realität.
"Ah," antwortete ich, um die Ankündigung nicht einfach so im Raum stehen zu lassen.
Langsam sah ich mich um. Wir mussten in der Garage sein. Außer dem rotem Kabrio, mit dem wir gekommen waren, stand dort noch ein schwarzer Jeep. Lucy öffnete die Wagentür,
stieg aus und holte meine Sachen aus dem Kofferraum. Vorsichtig öffnete auch ich die Tür und stieg aus.
Das Garagen Tor stand noch offen, und man konnte weit über die Felder, bis zu den Wäldern gucken.
Sie ging zielstrebig heraus, und ich stolperte unsicher hinterher.
Als ich das Haus sah, klappte mir die Kinnlade herunter.
Ich stand vor einer großen, weißen Villa. Direkt an der Vorderseite war eine kleine Veranda, und das Vordach wurde von zwei Marmor-Säulen gestützt. Die Villa hatte anscheint zwei Etagen.
Im Obergeschoss waren sogar Balkone angebracht. Es sah einfach perfekt aus.
das Schicksal meinte es also ausnahmsweise einmal gut mit mir.
Lucy holte den Schlüssel raus, schloss die gewaltige Eingangstür auf, und schob mich rein.
Sofort - als hätte er hinter der Tür darauf gelauert, dass wir endlich kamen - kam ein Mann auf mich zugestürmt.
"Hallo. Ich bin Kai. Ich bin Lucys Mann. Wie geht es dir, hattet ihr eine gute fahrt?" fragte er munter drauf los.
Als ich ihn überfordert anstarrte musste Lucy kichern. "Nun lass sie doch erstmal ankommen,
du verwirrst sie doch total," wies sie ihren Mann zu recht. Beide waren sehr jung.
"Hi," war das einzige, was ich herausbrachte. Ich war viel zu schüchtern.
Ich sah mich im Raum um, und musste feststellen, dass auch hier alles perfekt aus sah.
Der Raum war in hellen Farben gestrichen, und die dunklen Möbel passten daher optimal hier herein.
Hinter uns wurde ein weiteres mal die Tür aufgeschlossen, und wir drehten uns ruckartig um.
"Hey Mom, hey Da-" rief sie, doch als sie mich sah verstummte sie augenblicklich.
Sie musterte mich argwöhnisch, nickte dann ihren Eltern einmal zu, und stolzierte hoch in den zweiten Stock,
wo anscheint ihr Zimmer war. Das musste ihre Tochter sein - reizend! Aber ich nahm das so hin,
denn wäre alles hier perfekt gewesen, wäre zu schön um wahr zu sein. Was es sowieso schon war.
Lucy lächelte mich entschuldigend an, nahm mich an die Hand, und zog mich die Treppe hoch.
"Die Tür zum Dachboden, Mandys Zimmer, das Badezimmer, „ erklärte sie, während sich mich an den einzelnen Türen vorbei führte. Mandy, so hieß also meine reizende neue Schwester.
Lucy führte mich weiter, bis zum Ende des Flurs und öffnete die Tür zu meinem zukünftigen Zimmer.
Der Raum hatte eine angenehme Größe. Nicht so groß, das man sich darin verlor, aber auch nicht so klein,  wie eine Höhle.
Die Wände und Möbel waren in hellen Farben gehalten und
die Mittagssonne schien strahlend durch de Balkontür.
Direkt neben der Balkontür, die uns nun direkt gegenüber lag, standen ein großes Bett mit einem Nachttisch daneben, und ein Stück weiter ein Schreibtisch, auf dem ein Laptop stand.
In der rechten Ecke stand auf einem halb hohem Regal, mit Büchern, ein Fernseher.
Etwa einen Meter davor stand das Sofa. Hinter diesem waren ein Schrank und eine Kommode an die Wand gestellt.
Gegenüber davon stand noch ein kleiner Schminktisch, mit einem Spiegel daneben.
Kai nahm Lucy die Sachen ab, stellte sie auf das Bett, und sah mich erwartungsvoll an.
"Und, wie gefällt es dir?" fragte er.
"Wow, " war das einzige was ich heraus brachte. Lucy freute sich unheimlich, dass es mir gefiel,
und Kai zog sie mit sich nach unten, um mir ein wenig Freiraum zum ankommen zu lassen.
Ich sah mir das Zimmer noch einmal genau an. Es war wirklich alles perfekt auf einander abgestimmt. Sogar die Bettwäsche passte.
Mein Blick fiel auf die Balkontür und ich öffnete sie und trat hinaus, in die warme Mittagssonne, die immer noch auf den Balkon schien.
„Hi, “  hörte ich eine Stimme neben mir. Ruckartig drehte ich mich um und sah in Mandys grinsendes Gesicht.
„Hi, “ antwortete ich und überließ sie ihrem grinsen. Sie hatte hellbraune Haare, mit blonden Strähnen. Ihre braunen Augen sahen sehr hell aus und ihre Haut hatte einen schönen, gebräunten Ton. Im Gegensatz zu mir. Ich war weiß wie kalk. „Ich bin Mandy, “ lenkte sie meine Aufmerksamkeit wieder auf sich – und nicht auf ihr Aussehen.
„Schöner Name,“ antwortete ich aus Höflichkeit.
„Rosalie, stimmts‘ ?“ fragte sie herausfordernd.  „Ja,“ antwortete ich abwesend.
„Okay, Rosalie.“ Fing sie an. „Wenn du willst, dass wir gut miteinander klar kommen, musst du ein paar Dinge beachten.“ Ich starrte sie ungläubig an, doch sie fuhr fort, ohne sich irritieren zu lassen.
„1. In der Schule, und auch sonst wo, dreht sich alles um Mich.
2. Wenn du etwas machst, was mir nicht gefällt, wäre es das erste und das letzte mal, dass du das tust. Dazu zählen: sich mit unbeliebten Leuten unterhalten. Das fällt dann nämlich auf mich zurück. Mit süßen Jungs flirten. Die stehen sowieso alle auf Mich. Also verschwende nicht deine Zeit. Schleim dich nicht bei den Lehrern ein, das kommt nicht gut an. Und sei bitte nicht all zu tollpatschig. Das ist nämlich peinlich.“
Ich starrte sie immer noch ungläubig an. Das kann ja lustig werden, dachte ich und seufzte.
„3.,“ begann sie wieder. „Lass die Finger von Keith. Er sieht unglaublich gut aus. Wenn du ihn siehst, wirst du wissen was ich meine.
Und 4. Es gibt in der Schule, die coolen, und die, die es nicht sind. Wenn du also zu uns gehören willst, hör besser auf das, was ich dir sage.“
Ihr Ton und ihre Anspielungen von vorhin ließen keinen Zweifel, zu welcher Gruppe sie gehörte. „Verstanden?“ fragte sie hochnäsig. Zu spät merkte ich, dass die keine Rhetorische Frage gewesen war. „Nein, ähm Ja.“ Stotterte ich verwirrt. Mit einem arrogantem „Gut.“ Stolzierte sie wieder in ihr Zimmer und ließ mich auf dem Balkon zurück.
Ich war immer noch verwirrt, da ich mit so einer Reaktion am wenigsten gerechnet hatte.
Ich glaube für Mandy war ich einfach jemand, der in ihr Leben kam, und ihr Glück zerstören könnte.
Ich musste zugeben, ich habe schon ein wenig bammel vor dem ersten Schultag morgen. Was wenn mich alle hassen? Es gab so viele „Was, wenn“ Was wenn ich was falsch mache? Überlegte ich weiter. Ich fing schon wieder an, mir zu viele Gedanken zu machen. Wird schon schief gehen, dachte ich mir und hakte dieses Thema damit für heute ab.
„Mandy“ rief eine weibliche Stimme, die Lucy gehören musste von unten.
„Was ist denn, Mom?“ rief Mandy und ich hörte wie sie ihre Zimmertür öffnete.
Als Antwort wurde von unten „TELEFON“ geschrien. Mandy seufzte genervt und ging runter, wo sie hoffentlich auch blieb. Doch so viel durfte ich nicht erwarten – ruhe in diesem Haus, wäre unmöglich, und so hörte ich wie sie die Treppe hochkam. Tipp Tapp Tipp Tapp Tipp Tapp Tipp Tapp wurden ihre Schritte immer deutlicher bis sie abrupt anhielten. Sie ging in ihr Zimmer und knallte die Tür demonstrativ laut zu. Eigentlich interessierte es mich überhaupt nicht, mit wem sie was besprach, doch so laut wie sie das tat, war es schwer zu überhören. Telefonierte sie immer so, oder tat sie das extra?
„Gut das du anrufst, ich muss dir was erzählen, Fee“ brüllte sie förmlich ins Telefon. Darauf hin blieb es kurze Zeit still. „Also, ich habe dir ja erzählt, dass meine Eltern ein Mädchen in meinem Alter adoptieren wollten, und die haben das echt durchgezogen. Ich habe jetzt also eine neue Schwester, oder so.“ Wieder machte sie eine Pause. Es blieb längere Zeit still, und ich sah mich im Zimmer um. Auf der Kommode stand ein Telefon. Mein Telefon. Da neben lag ein kleiner gelber Zettel, auf dem in unordentlicher Schrift eine Nummer notiert war. Meine Nummer. Ich beschloss den Zettel erstmal dort liegen zu lassen. Ob ich über dieses Telefon wohl das Gespräch zwischen Mandy und ‚Fee‘ mithören konnte. Versuchen kostet nichts dachte ich und nahm das Telefon aus der Station. Ich muss nur leise sein. Nachdem ich die Knöpfe genau inspiziert hatte, entschied ich mich für den ganz linken. Ich drückte den Knopf und hielt das Telefon ans Ohr. Tuut Tuut Tuut machte es und dann hörte ich die Stimme eines Mädchens, die Mandy anscheint mit fragen über Mich löcherte. Ob sie mich hören können, wenn ich ein Geräusch mache? Ausprobieren würde ich es lieber nicht, entschied ich und hielt den Mund.
„Sieht sie gut aus? Wie alt ist sie? Wie heißt sie? Kommt sie morgen schon mit in die Schule? Ist sie nett?“ stachelte Fee weiter. Einen Moment lang blieb es still, Mandy atmete tief durch und begann zu erzählen: „Ja, sie kommt morgen in die Schule, und sie ist auch 16, glaube ich. Ich hoffe aber ich bin in jedem Fall älter als sie. Sie heißt Rosalie. Und ja, sie ist hübsch. Sehr sogar. Ich glaube aber, ich habe ihr ihren Standort klar gemacht.“ Ich wusste gar nicht, dass man so viel an einem Stück reden konnte. Doch ich hatte keine Zeit mir ihre Worte noch länger durch den Kopf gehen zu lassen, denn Fee fragte schon wieder weiter: „Wie sieht sie genau aus, beschreib. Ich kann es nicht mehr abwarten sie morgen in der Schule zu sehen!“
„Also,“ sagte Mandy und machte eine Bedeutungsvolle Pause. Ich war in der zwischen Zeit vor den Spiegel getreten um ihre Beschreibung mit der Wirklichkeit zu vergleichen. „Sie hat wunderschöne graue Augen,“ begann sie mit ihrer Aufzählung. Graue Augen ja, wunderschön nein!
„sie hat sehr helle Haut, wie kalk… irgendwie.“
Danke für die Sache mit dem Kalk, dachte ich sarkastisch. Fee kicherte am anderen Ende. Kaum hatte sie aufgehört, ging es auch schon weiter mit der Aufzählung:
„Sie hat blonde, Mittellange Haare und einen Stufen-Schnitt.“
Stimmt, und sie übertrieb ausnahmsweise mal nicht.
„Sie hat eine schöne Figur. Sie ist dünn, aber nicht dürr. Und eigentlich scheint sie auch ganz nett zu sein“ beendete sie ihre Aufzählung.
Dünn ja, nett konnte ich nicht beurteilen, schöne Figur NEIN!
Es blieb längere Zeit still, und als Fees Stimme am anderen Ende wieder erklang, schien sie voller Vorfreude. „Ich muss jetzt Auflegen. Wir sehen uns dann morgen.“
Von Mandy kam nur ein kurzes „Okay, bis dann.“ Und dann wurde es still.
Ich legte mein Telefon auf den Nachttisch und setzte mich auf das Bett.
Sie durfte niemals erfahren, dass ich das eben mitgehört hatte, dachte ich und ließ mich auf die weiche Matratze fallen.
18.1.09 09:58
 


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen