Something
Himmel und Hölle [Kapitel 2]

Piep Piep Piep Piep Piep Piep Piep Piep
Morgens 6:00 Uhr. Wo ist mein Wecker, schoss es mir durch den Kopf. Sofort war ich auf den Beinen, und schaute mich hektisch im Zimmer um.
Wo kam nur dieses blöde Piepen her. Inzwischen hatte es aufgehört, und langsam ahnte ich, wer dahinter steckte.
Das war gar nicht mein Wecker gewesen, der da gepiept hatte. Es war Mandys Wecker gewesen. Wenn das jetzt jeden Tag so geht dann sehe ich bald aus wie ein Zombie, wegen des Schlafmangels, dachte ich.
Doch wo ich schon mal wach war, konnte ich auch gleich da bleiben, wo ich war.
Ich ging zum Schrank und öffnete ihn. Ich nahm eine helle Bluse, einen etwas dunkleren Pullover und eine dunkle Jeans hinaus, und zog diese an.
Auch eine Tasche, und ein Sportbeutel lagen unten im Schrank. Dann nahm ich meine Tasche aus dem Schrank und ging hinüber zum Schreibtisch, um auf meinen Stundenplan zugucken. Musik in der Ersten, dann Sport in der zweiten. Dritte und vierte Kurse und fünfte und sechste Kunst und Geschichte. Naja, so schlimm war das doch gar nicht. Bis auf Kunst. Kunst war mein Hass fach. Geschichte wiederrum mein Lieblingsfach.
Ich würde das schon Überleben, dachte ich und begann meine Sachen zu packen. Ich ging wieder zum Schrank und nahm den Sportbeutel hinaus, packte meine Sportsachen und ging wieder hinüber zum Schreibtisch. Ich war gerade dabei, meine Federtasche in die Tasche zupacken, als es an der Tür klopfte. "Herein" rief ich und die Tür wurde geöffnet. "Ähm... Rosalie?" fragte Mandy. Ich drehte mich um. Sie hatte einen roten Haarreifen in den Haaren, und wie es aussah war sie gerade dabei sich zu schminken. "Ja?" fragte ich vorsichtig zurück. "Wir gehen doch heute zusammen zur Schule, oder?" Was ? Hatte ich mich da gerade verhört? "Klar" antwortete ich verwirrt. "Na dann bis gleich" rief sie und hüpfte zurück in ihr Zimmer. Was war das denn,  fragte ich mich.
Ich sah zum Schminktisch hinüber. Mit gezielten Schritten stellte ich mich davor, und inspizierte die Sachen, die auf der hellen Unterlage lagen. Ich nahm lediglich einen roten Lipgloss und schmierte mir diesen auf die Lippen.
Als ich fertig war, klopfte es gerade wieder an die Tür. "Ja" rief ich wie selbst verständlich und wieder kam Mandy rein. Jetzt war sie fertig angezogen und geschminkt. "Kommst du?" fragte sie fröhlich und war schon dabei runter zulaufen. Schnell zog ich meine Jacke an, warf mir meine Tasche über die Schulter, nahm den Sportbeutel in die Hand und lief Mandy hinterher. Unten wartete sie auf mich und drückte mir mit einem grinsen mein Portmonai in die Hand. „Da sind Geld, Fahrkarte und was du noch so brauchst drinnen.“
Ich nickte und steckte das Portmonai in meine Tasche.
Wir gingen aus dem Haus und machten uns anscheint auf zur nächsten Bushaltestelle. Dort angekommen setzten wir uns erstmal hin, da es noch dauerte bis der Bus kam. Wir hatten ihn gerade verpasst. „Und, wie gefällt es dir?“ plauderte sie fröhlich drauf los. „Super.“ Ich war immer noch ein wenig zurückhaltend. „Wie alt bist du eigentlich?“ fragte sie weiter. „16“ antwortete ich. „Und wann hast du Geburtstag?“ wie in einem Verhör dachte ich mir. „Am 30 Mai“. Ich glaubte von Mandy so etwas wie ‚Mist! ‘ gehört zuhaben, war mir aber nicht sicher. „Und du?“ fragte ich der Höflichkeitshalber. „Am 7 September“ kam es als Antwort. „Na, bist du schon Aufgeregt?“ fragte sie weiter. Auf einmal klang es nicht mehr freundlich sondern Provokant. „Nö“ log ich schnell. Sie sah mich komisch an. „Okay, ein bisschen“ gab ich letztendlich zu. Sie lächelte zufrieden. Da kam auch zum glück schon der Bus. Wir stiegen ein. Sie sah sich kurz suchend im Bus um, und schaute Enttäuscht, als sie anscheint nicht fand, was sie suchte. Sie ging nach hinten durch, und ich folgte ihr. Im hinteren Teil des Busses saßen 7 Mädchen, die anscheint nur darauf gewartet hatten, das Mandy mit mir im Schlepptau endlich einstieg. Sie kamen auf Mandy zu und umarmten sie, dann stellten sie sich der reihe nach vor: „Felicita“ „Nicole“ „Sandra“ „Leyla“ „Vivien“ „Vanessa“ „Jennifer“. „Hi“ antwortete ich. Mandy deutete mir mit einer Geste mich auf einen freien Platz zwischen Felicita und Nicole zu setzen. Ich setzte mich zaghaft hin, und schaute auf den Boden. Ich hatte das Gefühl, sie würden mich mit ihren Blicken durchbohren. Die fahrt verlief still, bis auf das geplappert von Mandy natürlich, und ich war froh, dass wir schon bald wieder aussteigen konnten. Wie es sich herausstellte, war ich mit allen 8 in einer Klasse. Na super.
Der Bus hielt direkt vor der Schule. Die Schule sah gigantisch aus. Eher wie ein College anstatt wie eine normale Schule. Aber das war hier in Meredith wahrscheinlich so üblich. Hier in der nähe musste irgendwo ein richtiges Collage sein. Wie das wohl aussähe? Ich ging flankiert von Felicita und Sandra zum Gebäude. Mandy voran. Leyla, Vivien, Vanessa, Nicole und Jennifer hinterher. Überall sah ich neugierige Augenpaare, die versuchten einen Blick auf mich zu erhaschen. Ich kam mir vor, wie bei so einem Zeugen-Schutz-Programm der Polizei. Als wir das Gebäude endlich erreicht hatten, entspannte sich alles ein wenig. Sie gaben ihre Stellung auf und schlenderten entspannt durch die Gänge. Unbeholfen lief ich hinter ihnen her. Ich hatte keine Lust mich schon zu beginn des Tages zu verlaufen. „Musik?“ hörte ich eines der Mädchen fragen. „Ja“ kam es von allen gleichzeitig. Darüber mussten sie lachen. Sie gingen auf eine Treppe zu, die anscheint zum Musik Raum führte. Immer weniger Schüler gingen hier entlang. Treppe hoch, links, rechts, wieder Treppe hoch. So lange kann das doch nicht dauern, dachte ich. Endlich kamen wir auf dem Flur an, wo sich der Musik Saal befinden sollte. Wir traten vor eine gewaltige Flügeltür. Mandy trat vor und öffnete diese. Vor uns tat sich ein riesiger, heller Raum auf. Vor einer Bühne, die ca. ein viertel des Raumes einnahm, waren Stühle in Reihen aufgestellt. Vor der Bühne saßen etwa 15 Mädchen und Jungen in einem Halbkreis und redeten angeregt. Als sie Mandy und die anderen, die mich wieder so gut es ging verbargen, sahen, verstummten sie. „Hi“ durchbrach Mandy die Stille und setzte sich lässig neben ein Mädchen mit roten Haaren. Auch Mandys ‚Clique‘ setzte sich mit in den Halbkreis, und langsam nahmen sie das Gespräch wieder auf. Ich stand immer noch unsicher an der Seite. „Wer ist denn Das ?“ fragte die rothaarige argwöhnisch und zog somit die gesamte Aufmerksamkeit auf mich. „Das ist Rosalie. Das Mädchen was meine Eltern Adoptiert haben. Meine neue Schwester also.“ Antwortet Mandy, als wäre es das normalste auf der Welt, mal eben so jemanden zu Adoptieren. „Oh“ war die einzige Antwort die die rothaarige noch zustande brachte. Sie hatte wahrscheinlich gehofft, mit so einer Frage gut bei Mandy anzukommen oder so. „Hi.“ Sagte ich in die Runde. Alle starrten mich an. Was erwarteten die von mir? Was sollte ich bitte sagen? Schüchtern blickte ich auf den Boden. Mandy forderte mich auf mich neben sie zu setzen, was ich dann auch tat. „Erzähl doch mal was von dir!“ rief die rothaarige wieder in die Runde. Sie hatte sich also eine andere Taktik überlegt, um bei Mandy gut anzukommen. Nein, dachte ich. Ich hatte nichts zu erzählen. Ich kannte meine Eltern nicht, hatte keine Familien, keine Freunde. Sollte ich ihnen vielleicht erzählen, wie es im Waisenhaus war? Wie es war immer von allen ausgeschlossen und geärgert zu werden? Nein, das war eindeutig das falsche Thema jetzt. Doch bevor ich noch weiter von ihren neugierigen Blicken durchbohrt werden konnte, zog jemand anderes ihre Aufmerksamkeit auf sich. Meine Rettung! Unser Musiklehrer stieß die große Tür auf und kam mit großen, schnellen Schritten auf uns zu. „Guten Morgen“ rief er beim kommen in unsere Richtung. „Guten Morgen Mr. Gray.“ Riefen sie im Chor. Vor uns blieb er stehen. „Wie ich sehe haben wir zuwachs bekommen.“ Sagte er mit tiefer Stimmen und schaute mich erwartungsvoll an. Er hatte helle blonde, nahezu weiß-blonde Haare, ein weiches Gesicht, aber nicht zu weiblich. Volle Lippen, schöne Augen, die einen irgendwie in ihren Bann zogen, und eine Markellose Nase. Gerade wollte ich aufstehen, ihm meinen Namen nennen und freundlich ‚Hallo‘ sagen, doch Mandy war schon aufgesprungen. Sie war direkt vor ihn getreten, sodass sie nur wenige Zentimeter von ihm trennten. Erst jetzt viel mir auf, wie groß er war. „Das ist meine Schwester. Rosalie.“ Als er meinen Namen hörte, verzog sich sein Gesicht kurz. Als hätte er irgendetwas geahnt, und nun war seine Vermutung bestätigt worden. Er hatte seine Mimik aber schnell wieder im Griff, und ich war mir ziemlich sicher, dass niemand außer mir es bemerkt hatte. Dann stieß er scharf die Luft aus, ließ Mandy stehen und ging auf die Bühne.
„Erstmal ein großes Lob, wegen den Präsentationen, der letzten Woche. Die einzelnen Gruppen haben mir sehr gut gefallen. Da alles so gut geklappt hat, machen wir es wieder so, wie letztes Mal. Tut euch bitte in Gruppen von etwa drei bis fünf Leuten zusammen. Dann einigt ihr euch wie gewohnt auf ein Lied, und verteilt die einzelnen Text Passagen.“
Sofort, nachdem er aufgehört hatte, zu reden, brach ein großes Chaos aus. Alle versuchten wohl, sich die besten Gruppen zu sichern. Ich saß immer noch unschlüssig auf meinem Platz. Es hatten sich 5 Gruppen gebildet. Drei davon bestanden aus den Leuten des Musikkurses, die ich nicht kannte. Die anderen bestanden aus ‚Mandys Leuten‘. Felicita, Nicole und Mandy waren zusammen in einer Gruppe und die andere bestand aus Sandra, Leyla, Vivien, Vanessa und Jennifer. Unsicher stand ich auf und sah Mandy hilfesuchend an. Sie kam auf mich zu und die anderen beiden Folgten ihr.
„Komm doch zu uns.“ Schlug Nicole vor und Mandy nickte zustimmend. „Danke.“ murmelte ich, und war mir nicht sicher, ob sie es gehört hatten. „Und, habt ihr Vorschläge, für ein Lied?“ fragte Mandy während sie sich wieder auf den Boden setzte. Nicole und Felicita setzten sich zu ihr und die drei fingen sofort an, zu diskutieren. Auch ich setzte mich wieder, aber anstatt mich an der Diskussion zu beteiligen, hörte ich lieber aufmerksam zu.
Immer wieder warf ich Blicke zu den anderen Gruppen, die uns zu beobachten schienen. Anscheint wollte jede und jeder hier mit Mandy in eine Gruppe. Entweder, weil sie singen konnte, oder weil sie beliebt war. „Ist das in Ordnung, Rosalie?“ riss Mandy mich aus meinen Gedanken. „Ich.. ähm… Ja.“ Stotterte ich schließlich, und merkte regelrecht, wie ich rot anlief. Mandy kicherte und stand dann auf. Die anderen blieben sitzen und folgten ihr nur mit ihren Blicken, während sie zu Mr. Gray ging. Sie redete kurz mit ihm, er nickte und trug etwas in seine Liste ein. Mit einem lächeln im Gesicht kam sie zu uns zurück. „Geht alles in Ordnung.“ verkündete sie. Als das Klingeln ertönte, standen alle erleichtert auf, und fanden sich, wie am Anfang, in ihren kleinen ‚Gruppen‘ zusammen. Sie machten sich auf den Weg zur Sporthalle, und ich trottete die ganze Zeit nur hinterher, während sie über Lehrer und Schüler tratschten. In Sport spielten wir gerade Volleyball, was ich leider als ziemlich einzige Sportart abgrundtief hasste. Die Pause verbrachten wir, oder besser gesagt, sie damit, mir die Schule und deren Räume zu zeigen. Die Räume waren eigentlich gar nicht so schwer zu finden – wenn man das Prinzip verstand. Als es klingelte gingen alle bis auf Mandy – und ich – in die Sporthalle. „Dort haben wir Cheerleader Training.“ Erklärte sie, als ich sie fragend ansah. „Du kommst jetzt erstmalmit mir ins Schulbüro, und wählst deinen Kurs.“ Sagte sie bestimmt, und ging Richtung Ausgang des Gebäudes. Direkt neben der großen Eingangstür befand sich das Schulbüro. Mit sicheren Schritten ging sie vor ran und öffnete die Tür. „Das ist die neue Schülerin, Rosalie. Sie müsste ihre Kurse nachwählen, da sie erst später dazu gekommen ist.“ Erklärte Mandy auf dem Weg zum Tresen. Die kleine Sekretärin nickte und sah mich an. „Es gibt 5 Wahlmöglichkeiten. In diesem Jahr sind alle sportlich ausgerichtet.“ Fing sie an. „Cheerleading, Handball, Fußball, Basketball und Volleyball.“ Beendete sie ihre Aufzählung. Handball, dachte ich. Zwar ein ziemlich brutaler Sport, aber irgendwie mochte ich Handball. „Doch die Kurse Basketball und Handball sind voll.“ Fügte sie hinzu. Na toll. „Dann nehm ich Cheerleading?!“ antwortete ich unsicher. „Okay.“ Bestätigte sie meine Wahl und trug mich in eine Liste ein. „Mandy, du kannst sie dann gleich mit nehmen.“ Sagte sie aufmunternd und lächelte uns an. Mandy sah überhaupt nicht glücklich aus. Sie hatte wohl gehofft ich würde etwas anderes nehmen. Aber das war im Endeffekt nicht mein Problem. Oder doch ?
Etwas aggressiver als zuvor drehte sie sich um, stieß die Tür mit dem Fuß auf und ging Richtung Sporthalle. Ich musste schon fast rennen, um mit ihr Schritthalten zu können.
Bei der Halle angekommen hielt sie abrupt an, atmete einmal tief durch und öffnete die Sporthallentür. Alle Blicken waren auf sie – aber vor allem auf mich – gerichtet, als wir die Halle betraten. „Übt weiter, wir kommen gleich.“ Rief sie den anderen zu, und diese machten so weiter, wie zuvor. Sie ging in die Umkleide und ich folgte ihr. Sie drückte mir ein Trikot in die Hand und zog sich selbst auch um. Unbeholfen zwängte ich mich hinein. „Heute machen wir Krafttraining, also mach dich auf einiges gefasst.“ Sie grinste mich fies an und ging wieder in die Halle. Das kann ja lustig werden, dachte ich, raffte mich auf und folgte ihr. Sie hatte recht, das Krafttraining war die reinste Hölle und nach den zwei Stunden war ich total fertig. Das komische war, dass es den anderen anscheint gar nicht so viel ausgemacht hatte. Keine von ihnen war so K.O. wie ich. Das wird mit der Zeit schon besser, redete ich mir selbst ein um mir ein wenig Mut zu machen.
Auch die letzten beiden Stunden vergingen schnell, obwohl ich mich mit dem Kunstlehrer nicht wirklich anfreunden konnte. Ich wusste auch nicht so genau, aber aus irgendeinem Grund hatte er etwas gegen mich.
Nachdem das letzte Klingeln den Tag für heute beendete, war ich froh das ich alles – wenn auch nur bis morgen – überstanden hatte. Mandy und ihre Clique machten sich auf den Weg zur Bushaltestelle und ich trottete – wie immer – einfach hinterher.
Die ganze Busfahrt über redeten sie über Jungs – welche sahen gut aus, und wer passte zu wem? Lange halt ich das nicht mehr aus, dachte ich und genau in dem Moment stand Mandy auf. „Wir müssen raus.“ Forderte sie mich auf und stieg aus, ohne wirklich auf mich zu warten. Schnell hob ich meine Tasche über die Schulter und lief ihr hinter her. Zuhause angekommen schloss sie die Tür auf und ging sofort hoch, in ihr Zimmer. Lucy und Kai waren noch nicht wieder von der Arbeit zurück. Auch ich ging hoch in mein Zimmer und legte meine Sachen ab. Anstrengender Tag, dachte ich und sah mich im Zimmer um. Mein Blick fiel auf die Balkontür, doch ich zögerte. Letztendlich ging ich hinüber, machte die Tür auf und stellte mich, wie genau 24 Stunden zuvor, in die warme Nachmittagssonne.
18.2.09 09:59
 


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