Something
Der Wald [Kapitel 4]

Ich wurde am Samstagmorgen von der Sonne geweckt, welche mir ins Gesicht schien. Auf meiner Uhr sah ich, dass es noch früh war, und ich war mir sicher, dass keiner außer mir wach war. Zeit zum Nachdenken, beschloss ich.
Was sollte ich unternehmen? Eigentlich war ich machtlos, doch das wollte ich nicht einsehen. Mein Problem war eben, dass ich andere nicht leiden sehen konnte. Doch immer wenn ich anderen half, vergaß ich mich, und meine Bedürfnisse, so dass mir am Ende alles wieder zu viel wurde.
Benommen schüttelte ich den Kopf und sah nach draußen. Das hier war kein Ort zum Nachdenken, beschloss ich und stand entschlossen auf. Leise zog ich mich an, steckte meinen Schlüssel ein und schlich mich hinunter in die Küche. Schnell huschte ich zum Kühlschrank, und nahm mir, wie gestern Morgen auch, einen Apfel mit. Draußen angekommen schloss ich die Tür wieder leise, und sah mich um. Als erstes viel mir der Wald ins Auge, und obwohl er weit entfernt schien, entscheid ich mich, mich auf den Weg zu machen. Während ich ging aß ich meinen Apfel, und kurze Zeit später, nachdem ich ihn aufgegessen hatte, war ich auch schon am Waldrand.
Er sah dunkel aus – zu dunkel für einen so sonnigen Tag – und ich wäre fast wieder umgekehrt, doch nun wo ich schon den weiten Weg gegangen war, gab ich mir einen Ruck und ging ein paar Meter tiefer rein. Zuerst wurde es noch dunkler, doch sobald ich noch ein kleines Stück weiter ging, tat sich das Blätterdach mehr und mehr auf und es wurde angenehm hell und warm. Nach ein paar weiteren Metern setzte ich mich auf den warmen, aber noch leicht nassen Waldboden. Mit dem Rücken zur Sonne – damit diese mich nicht blendete. Hier war es so schön, dass ich plötzlich gar keine Lust mehr hatte, mich mit den Problemen auseinander zu setzen. Wochenende war zum entspannen und nicht zum verrückt machen gedacht. Ich seufzte, schloss die Augen und ließ mich rückwärts ins Gras fallen. Die Sonne schien nun auf mein Gesicht, und ich merkte erst, dass ich nicht alleine war, als sich die Person über mich beugte. Als der kalte Schatten auf mich fiel fuhr ich erschrocken hoch und sah mich panisch um. Doch weder hinter, vor oder neben mir, war jemand. Noch einmal sah ich mich um. „Das ist nicht lustig.“ Rief ich verwirrt. Ich glaubte zu hören, wie jemand seufzte, war mir aber nicht sicher. „Okay, okay.“ Hörte ich eine Stimme hinter mir und dreht mich um. Geschockt und verwirrt blickte ich in seine tief blau-grauen Augen. „Tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe.“ Durchbrach er die stille, und ließ sich wie selbstverständlich gegenüber von mir nieder. Ich schüttelte nur verwirrt den Kopf. „Ich bin Keith. Ich gehe auf dieselbe Schule wie du.“ Unternahm er einen weiteren Versuch, vernünftig mit mir zu kommunizieren. „Ich bin Rosalie. Tut mir leid, du … du hast mich nur gerade etwas aus der Fassung gebracht.“ Gestand ich. „Tut mir leid. Wie gesagt, dass wollte ich nicht.“ Entschuldigte er sich wiederrum. „Was machst du hier?“ fragte ich um ihn davon abzubringen, sich weiter ununterbrochen zu entschuldigen. „Dasselbe könnte ich dich fragen.“ Das konnte ja lustig werden. Aber ich spielte mal mit. „Wenn ich es dir sage, verrätst du mir dann auch, warum Du hier bist?“ Er nickte, und obwohl ich ihm nicht wirklich traute, erzählte ich ihm, warum ich hier sei. „Ich war heute Morgen früh wach, und wollte ein wenig Nachdenken. Nur mein Zimmer schien dafür nicht der richtige Ort, und deshalb ging ich in den Wald.“
„Über was wolltest du Nachdenken?“
„Erst bist du dran. Was machst du hier?“ erinnerte ich ihn an unsere Abmachung.
„Ich weiß nicht, ich hatte einfach das verlangen, in den Wald zu gehen.“ Er lächelte geheimnisvoll – und ich glaubte ihm kein Wort.
Er hatte gemerkt, dass ich ihm nicht glaubte, und wollte nun vom Thema ablenken –
was ihm auch gelang.
„Kennst du schon den See?“ Ich schüttelte den Kopf, ohne ihn anzusehen. „Dann komm mit!“ forderte er mich auf. Er stand auf und hielt mir seine Hand hin, um mir aufzuhelfen. Fast, aber auch nur fast hätte ich danach gegriffen, aber stattdessen stützte ich mich auf und stand ohne seine Hilfe auf. Er ging tiefer in den Wald, und ich folgte ihm bereitwillig, aber immer noch schmollend.
Als wir am See ankamen, war ich begeistert. Der See war groß, aber nicht unübersichtlich, und die Sonne spiegelte sich auf dem klaren Wasser. Keith ging auf den Steg, zog seine Schuhe aus, und ließ seine Füße in das Wasser gleiten. Ich ging zu ihm, setzte mich neben ihn. Auch ich zog meine Schuhe aus und ließ meine Füße in das Wasser gleiten. Es war Eiskalt, aber es fühlt sich schön an. Das hatte ich gebraucht, um in die Realität zurück zu kommen. Würde Mandy das hier erfahren, wäre ich geliefert, soviel war sicher. „Du bist so ruhig.“ Bemerkte er. Ich zuckte wieder nur mit den Schultern. „Wenn Mandy das hier erfährt, bin ich geliefert.“ Sagte ich, als sei es eine Erklärung für mein Schweigen. Er sah mich nur verständnislos an. „Ihre Goldene Regel ist, dass keine von uns mit dir Sprechen darf.“ Und wieder einmal wurde mir klar, wie absurd das alles klang. Ich lachte hysterisch auf. „Ich verstehe nicht recht.“ Gab er schließlich zu. „Mandy verbietet allen, mit dir zu reden. Warum auch immer.“ Das ‚warum auch immer‘ entsprach zwar nicht ganz der Wahrheit, da ich ja wusste, warum, aber wenn ich ihm auch das noch erzählte, war ich wirklich geliefert. „Ist das dein Ernst? Deshalb spricht keiner mit mir…“ Er schien es ernsthaft nicht gewusst zu haben, was mich umso mehr schockierte. Ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte, also sagte ich erstmal gar nichts. Ich beobachtete ihn während er nachdachte. Irgendetwas an ihm erinnerte mich an jemanden, ich wusste nur nicht was es war, und an wen es mich erinnerte. In Gedanken versunken starrte ich ihn an. „Rosalie? Warum starrst du mich so an?“ riss er mich aus meinen Gedanken, und als ich merkte, was er meinte, lief ich rot an. „Tut mir leid. Du hast mich nur an jemanden erinnert, aber mir fiel gerade nicht ein an wen.“ Erklärte ich. „Wahrscheinlich an meinen Vater.“ Er lachte, als ich ihn fragend ansah. „Er Unterrichtet Musik, in deinem Kurs.“ Genau. Es war Mr. Gray, an den er mich erinnerte, aber das sie verwandt seien, darauf wäre ich im Traum nicht gekommen. Nun stand er auf, und zog sich seine Schuhe wieder an. Als er mir diesmal seine Hand hin hielt, nahm ich sie und ließ mir von ihm hoch helfen. Auch ich zog meine Schuhe wieder an, und wir machten uns gemeinsam auf den Weg, zum Waldrand. „Ich feier morgen meinen Geburtstag. Hast du vielleicht Lust, zu kommen?“ fragte er mich plötzlich. „Wer kommt den noch?“ fragte ich um Zeit zu gewinnen, um mich zu entscheiden. „Spielt das eine Rolle?“ fragte er belustigt. Schon wieder rot anlaufend schüttelte ich den Kopf. „Ich weiß nicht so recht.“ Gab ich schließlich zu. „Warum weißt du nicht so recht?“ fragte er nun mehr verwundert. „Wegen Mandy. Ich bin geliefert, wenn sie das merkt.“ Einen kurzen Moment überlegte er. „Dann kommt ihr eben beide. Das wird doch wohl gehen, oder?“ Er klang nicht so begeistert – doch warum sollte er dann den Vorschlag machen, wenn er es doch eigentlich gar nicht wollte?! „Okay, ich frag sie.“ Gab ich klein bei. „Okay, Morgen hol ich dich, ich meinte euch ab. Um 11:00, wir haben eine Menge vor.“ Bevor ich etwas erwidern konnte, verschwand er mit einem lächeln auf den Lippen.
Das einzige wovor ich wirklich Angst hatte, war Mandy zu erzählen, dass ich mit ihm geredet hatte. Das klang extrem lächerlich, doch es war so. Aber ich war überzeugt davon, dass die Einladung alles wieder gut machen würde. Während ich mich auf den Rückweg machte, versuchte ich mir eine Taktik auszudenken, wie ich es ihr am besten sagen würde. Doch mir fiel nichts ein, und nach einer Weile gab ich es auf, weitere Gedanken daran zu verschwenden.
Am Haus angekommen schloss ich die Tür leise auf, obwohl ich wusste, dass alle nun bereits wach waren. Ich hatte den ganzen Vormittag im Wald verbracht. „Guten Morgen Rosalie, wo warst du?“ wurde ich von Lucy begrüßt. „Im Wald.“ Antwortete ich, und ging hoch in mein Zimmer. Nachdem ich mich in meinem Zimmer einigermaßen auf das nun bevorstehende vorbereitet hatte, ging ich raus auf den Balkon und klopfte an ihre Fensterscheibe. Wie im Kindergarten, dachte ich und musste lächeln. Verwundert kam sie ans Fenster, öffnete dieses und trat hinaus auf den Balkon. Fragend sah sie mich an. „Ich, ähm, wir sind morgen auf eine Geburtstagparty eingeladen.“ Stotterte ich. „Von wem?“ fragte sie irritiert. Ich holte einmal tief Luft. „Von Keith.“
Einige Sekunden sagte sie gar nichts, sondern starrte mich nur fassungslos an. Schließlich fand sie ihre Sprache wieder. „Keith?“ quietschte sie. „Wie hast du das denn hinbekommen?“
„Ich war heute morgen im Wald, und er war auch da. Wir haben uns unterhalten, und dann hat er uns eingeladen. Er holt uns morgen um 11:00 ab.“ Zum Ende des Satzes wurde meine Stimme immer leiser.
„Wow, Rosalie.“ Sie freute sich so, dass es ihr anscheint egal war, ob ich nun ihre Goldene Regel gebrochen hatte oder nicht. „Ist das dein voller Ernst?“ fragte sie noch einmal, und als ich nickte verschwand sie in ihrem Zimmer. Ich atmete tief durch. Lief doch alles besser, als gedacht, munterte ich mich selbst auf. Aus Mandys Zimmer hörte ich schon, das sie mit jemandem Telefonierte.
Ich hoffte jedoch inständig das es nicht Felicita, Nicole oder Leyla war, der sie das nun gerade alles erzählte.
19.3.09 12:30
 


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